20. August 2021  |  
Matthias Binder

Das Lern-Ökosystem. Mehr als ein Buzzword!?

Lern-Ökosystem? Das darf nicht wahr sein: Noch ein Trend! Die nächste Sau, die durchs Dorf getrieben wird! Das hat bestimmt so manche:r bei diesem Titel gedacht. Aber ist das wirklich so? Was versteckt sich hinter diesem etwas undurchsichtigen Begriff „Lern-Ökosystem“? Ist es nur ein neuer Begriff für Lernplattformen? Ist es die moderne Version des Schulungskatalogs? Handelt es sich um das Zusammenspiel von Lern- bzw. Weiterbildungsmöglichkeiten verschiedener Anbieter?
Schauen wir es uns gemeinsam an.

Was ist ein Ökosystem?

Der Begriff des Ökosystems kommt – wenig überraschend – aus der Biologie bzw. der Ökologie. Ein Ökosystem bezeichnet die Kombination aus Lebensraum und den darin lebenden Lebewesen. Soweit so verständlich. Nun gibt es einige Punkte, die ein solches Ökosystem ausmachen.

  1. Offenheit: Lebewesen können zwischen Ökosystemen wechseln. Das heißt auch: das eine System beeinflusst das andere.
  2. Veränderung und Gleichgewicht: Durch Faktoren von innen und außen verändert sich ein Ökosystem beständig. Es passt sich dabei so an, dass ein Gleichgewicht erhalten bleibt. Das funktioniert zumindest solange, wie die Veränderungen nicht zu stark sind.
  3. Wechselwirkung: Alles innerhalb eines Ökosystems, ob lebendig oder nicht, steht zueinander in Beziehung und interagiert miteinander. Typischerweise unterscheidet man
    • Produzenten: Pflanzen, die wachsen und das Biotop, den Lebensraum, so füllen,
    • Konsumenten: Pflanzen- und Fleischfresser,
    • Destruenten: Tiere, Bakterien und Pilze, die totes Material zersetzen und dem Kreislauf wieder zuführen.
  4. Komplexität: Zusammengenommen entsteht ein komplexes Geflecht, das kaum zu entwirren scheint.

Wie findet man mehr über ein Ökosystem heraus?

Fragen, die sich Forschende zu einem Ökosystem stellen, sind etwa: Wie groß ist das System? Wie sind die Lebensbedingungen im System? Wo finden sich Produzenten und Konsumenten? Wie sind sie im System verteilt? Diese Fragen führen uns nochmal die Komplexität vor Augen. Sie zeigen uns: Nur einzelne Bestandteile zu betrachten, ist wenig sinnvoll. Es braucht eine Systemanalyse*. Das System wird dabei als Ganzes untersucht: Welche Bestandteile hat es? Wie sind sie verbunden, welche Beziehungen gibt es? Wie funktioniert das System? Das passiert in vier Schritten.

  1. Beschreibung des Systems
  2. Analyse der Funktionen: Warum passiert was?
  3. Experimente in Labor und Feld
  4. Mathematisches Modell zur Vorhersage von Entwicklungen.

* Gegenargument: Da das System so komplex ist, kann es gar nicht vollständig abgebildet werden. Um konkrete Probleme zu lösen muss auf bestimmte Teile des Systems bzw. mit bestimmter Perspektive darauf geschaut werden.

Was ist jetzt mit dem Lern-Ökosystem?

Eigentlich soll es hier ja um Lern-Ökosysteme gehen. Doch der Blick auf die Herkunft des Begriffes hilft uns, Parallelen zu erkennen. Schauen wir uns einmal die vier Eigenschaften eines Ökosystems mit der Brille der Personalentwickung bzw. der Weiterbildung an.

Offenheit

Nehmen wir einmal an, es gibt ein Lern-Ökosystem in der Organisation. Dann muss es offen sein in Richtung anderer Ökosysteme. Vielleicht in Richtung des Arbeits- und Freizeit-Ökosystems? Gibt es sogar spezifischere Ökosysteme? Das Finanz-Ökosystem und das Strategie-Ökosystem? Das Technologie-Ökosystem? Zwischen all diesen Systemen könnten Mitarbeitende wechseln. Das hieße auch: Es gibt mehr Verbindung und Austausch. Das Lern-Ökosystem wäre stärker orientiert an den anderen Systemen. Anders ausgedrückt: Lerninhalte und -formate binden die Fachbereiche und deren Bedarfe stärker ein. Der „Business Case“ der Weiterbildung könnte sich dadurch festigen.

Veränderung und Gleichgewicht

Logischerweise muss sich ein Lern-Ökosystem beständig verändern. Von außen kommen neue Technologien und Themen, die gelernt werden wollen/müssen. Die Weiterbildungsinhalte werden angepasst. Zusätzlich entstehen neue Formen des Lernens, andere verschwinden. Die Ansprüche und Wünsche der Mitarbeitenden wandeln sich. Auch hier findet Veränderung statt. Das System bleibt – analog eines natürlichen Gefüges – dann im Gleichgewicht, wenn es nicht zu viele oder zu starke Ausschläge gibt.

Wechselwirkung

Wenn innerhalb eines Lern-Ökosystems nun alles verbunden ist und interagiert, heißt das auch: Niemand sollte sich zurücklehnen und Däumchen drehen. Denn jede Handlung (oder Nicht-Handlung) wirkt sich automatisch auf das System als Ganzes aus. Zudem bedeutet es, dass es nicht den einen Organisationsbereich gibt, der sich um alles Lernen und alle Weiterbildung kümmert. Wie in einem natürlichen System, profitiert auch das Lern-Ökosystem von vielen Produzenten, Konsumenten und Destruenten.

Hier findet sich meines Erachtens übrigens ein Unterschied zur Natur. In einem Lern-Ökosystem sollten möglichst viele Beschäftigte Produzent:in und Konsument:in und Destruent:in sein. Als Produzenten erstellen sie Lerninhalte selbst. In der Rolle des Konsumenten nutzen sie Lerneinheiten mehr oder weniger selbstständig. Destruentinnen wiederum zerlegen bestehenden Lernstoff, um ihn anschließend als Produzentinnen in neuer Zusammenstellung verfügbar zu machen.

Komplexität

Ohne Zweifel ist ein Lern-Ökosystem das offen, veränderlich und verflochten ist, auch komplex. Aus verschiedensten Richtungen werden Inhalte in das System eingetragen. Es gibt eine Vielfalt an Handelnden und Verbindungen zwischen Ihnen und zu den Lerninhalten. Den Überblick zu wahren, ist schwierig. Eine erhebliche Herausforderung für die Personalabteilungen, die ihre Aufgabe bislang oft in der Bereitstellung qualitativ angemessener Lehr- und Lerninhalte findet. In einem Lern-Ökosystem aber, wird sie zu „nur“ einer von vielen Mitwirkenden.

Weiterbildner:innen in einem Lern-Ökosystem

Im Grunde werden in einem Lern-Ökosystem alle zu Weiterbildnerinnen und Weiterbildnern. Nichts desto trotz ist es sinnvoll, wenn weiterhin jemand die Funktion der Personalentwicklung bzw. Weiterbildung verantwortet. Denn wie wir gelernt haben, sind Lebewesen (hier: die Lernenden) das eine Element eines Ökosystems.

Das andere Element ist der Lebensraum, das Biotop. Für das Lernen in einer Organisation muss dieses Biotop erst angelegt werden. Danach muss es gepflegt werden, Unkraut muss gejätet und neue Samen gepflanzt werden. Die Funktion der Weiterbildung entspricht hier der eines biologisch-dynamisch arbeitenden Gärtners oder einer Wildhüterin.

Sie sieht zu, dass im Lern-Ökosystem optimale Bedingungen für das Gedeihen der Lebewesen/der Lernenden (im Sinne einer persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung) herrschen. Sie behält im Auge, dass das Biotop nicht von einer Pflanzenart (z. B. Lernvideos zum Thema Industrie 4.0) zugewuchert wird und andere Arten darunter verschwinden. Sie sorgt dafür, dass „Krankheiten“ sich nicht verbreiten. Soll heißen, die Personalentwickler:innen achten gemeinsam mit den Fachbereichen darauf, dass Inhalte, die von den Beschäftigten selbst eingestellt werden, qualitativ einen Mindestanspruch erfüllen (inhaltliche Richtigkeit, Aufbereitung,….).

Sie sorgen außerdem dafür, dass das Gleichgewicht zwischen Produzentinnen und Konsumenten bestehen bleibt. Nur dann ist die Nachhaltigkeit des Ökosystems gewährleistet. Wo notwendig und sinnvoll, siedeln sie neue Pflanzen und Arten an. Das bedeutet, es werden Lernangebote gemacht, die im Lern-Ökosystem ansonsten fehlen würden oder die für seinen Fortbestand notwendig sind. Die Weiterbildner:innen nehmen letztendlich eine eher koordinierende Funktion ein.

Warum ist das Konzept Lern-Ökosystem interessant?

Betrachten wir einmal den Kerngedanken des Ökosystems. Er besteht darin, dass es Lebewesen und Lebensraum gibt. Beides interagiert miteinander, alles und jede:r ist eingebunden. In der Verbindung erhalten sie das Gleichgewicht des Systems. Diese Idee können wir durchaus auf die Lern-Welt der Zukunft übertragen.

  1. Im Lernen der Zukunft gibt es nicht mehr nur die Konsumentinnen. Alle werden auch zu Produzenten und erstellen Lerninhalte.
  2. Alle sind aktiv, indem Sie Lerninhalte beitragen, nutzen, weiterentwickeln und sich dazu austauschen.
  3. Die Weiterbildungsfunktion stellt vor allem den (Lern-/Lebens-)Raum zur Verfügung (digital, analog, zeitlich, …), in dem das Lernen stattfindet. Sie sorgt für die Vielfalt, die es braucht, damit alle ihre Lern-Nische finden können.
  4. Alle Beschäftigten tragen selbst Verantwortung dafür, ihre Nische im Lern-Ökosystem zu finden und zu besiedeln.
  5. Indem Beiträge von so vielen Seiten kommen, entsteht ein dynamisches Gleichgewicht im System. Inhaltliche und methodische Ansprüche und Erwartungen der Beschäftigten bzw. der Lernenden werden befriedigt.

Ein Lern-Ökosystem analysieren

Die oben dargestellten Schritte zur Analyse eines Ökosystems sind durchaus auch für Unternehmen, Personalabteilungen und Betriebsräte nützlich (einmal abgesehen von der Nummer 4). Es lohnt sich, genau hinzuschauen, was es in der Organisation schon an Lernangeboten gibt. Dabei sollten neben Seminaren und ähnlichem auch informelle Lernformen (z. B. Learning-by-Doing, Austausch, …) einbezogen werden.

Anschließend gleicht man ab, welches Angebot welches Bedürfnis erfüllt und wie verschiedene Lerneinheiten und -formate zusammenhängen. Das kann wichtige Erkenntnisse bringen: Wie systematisch ist unsere Qualifizierung? Woher kommen Weiterbildungsangebote? Wie weit decken sich Angebot und Nachfrage?

Dann gilt es Neues zu versuchen. Es werden Formate und Lerneinheiten konzipiert. Beschäftigte werden gezielt aktiviert und eingebunden. Vielleicht erstmal in Piloten, Testphasen und Testräumen („Labors“). Anschließend können auch das Experiment im Feld gewagt und neue Formen der Beteiligung am Lernangebot in der Organisation ausprobiert werden.

Was bleibt?

Am Anfang dieses Blogs stand die Frage, ob das Lern-Ökosystem nichts ist, als ein weiteres Buzzword. Ganz so kritisch sollte man nicht sein. Man kann durchaus einwenden, dass der Begriff nur eine neue Umschreibung, eine neue Perspektive auf das Thema Lernkultur ist. Es gibt zweifellos viele Überschneidungen. Sicher bleiben auch Fragen offen. Wer denkt im Alltag schon so ganzheitlich? Wer hat dafür überhaupt die Zeit? Sind unsere Mitarbeitenden schon in der Lage dazu? Will die Geschäftsführung so etwas? Ist das alles nicht die Kernaufgabe der Personalentwicklung? Wer stellt sicher, dass Lernmaterial und -angebote aktuell sind und recycelt werden? Braucht es eigentlich für jede Lernvorliebe eine eigene Nische? Und und und…

Trotzdem: Eines ist doch interessant. Sowie jedes Unternehmen eine Lernkultur hat, hat auch jedes Unternehmen ein Lern-Ökosystem. Lernkultur aber ist ein abstrakter Begriff. Lern-Ökosystem – das ist etwas, zu dem man gleich ein Bild im Kopf hat. Es ist eine Metapher. Eine eingängige, wie ich finde. Denn es gibt Ökosysteme, die gedeihen, wachsen und in ihrer Vielfalt unvergleichlich schön und reich wirken. Es gibt aber auch Ökosysteme, in denen Pflanzen aussterben. Die Lebewesen wanken dort nur mehr schmächtig und ausgezehrt durch eine öde Landschaft.

Zugegeben: Das war jetzt etwas drastisch. Die Botschaft ist aber klar: Wer ein florierendes Unternehmen will, der braucht ein florierendes Lern-Ökosystem. Eines, in dem jedes Lebewesen (also jede:r Beschäftigte) für sich passende Lernangebote findet und sich so beim Lernen wohlfühlt. Nehmen Sie dieses Bild eines grünen, vielfältigen Lern-Ökosystems mit in Ihren Alltag. Machen Sie es zur Vision und machen Sie sichtbar, wo schon überall etwas wächst und gedeiht!

Viel Erfolg beim Gärtnern!

Mehr zum Thema gibt es hier:

Ökosystem
Lern-Ökosystem