9. November 2020  |  
Patrick Benjamin Fleck

Die Weiterbildung von Morgen – Das Ende der klassischen Weiterbildung in Präsenz?

Verbunden mit dem Lockdown kam es zu vielen Fragezeichen in meinem Kopf. Was darf ich noch, was ist möglich und was kann ich noch tun, ohne andere zu gefährden. Es ging ins Homeoffice – Arbeit- und Privatleben wurden mehr und mehr entgrenzt. Sehr viele Fragezeichen gab es auch für das Projekt AiKomPassDigital. Unsere Arbeit und unsere Konzepte leben vom Austausch mit der Praxis. Der Kontakt mit Personalverantwortlichen und Betriebsrätinnen und Betriebsräten ist wichtig und für unsere Projekte unverzichtbar. Face-to-Face fällt es einem dann doch leichter, andere einzuschätzen und kennen zu lernen, so dass man gemeinsam Projekte aufs Gleis setzen kann. In Projekten braucht es Vertrauen, damit man Wissen und Erfahrungen austauscht. Ganz bestimmt nicht anders ist es mit dem Lernen. Verschiedene Tagungen, große Plattformen des Austausches oder auch die klassischen Seminarformate mussten abgesagt werden. Und so stelle ich mir auch die Frage nach den Auswirkungen auf das Angebot der Weiterbildung von morgen.

Neugestaltung von Lernangeboten in Corona

Was vor Corona noch die Trainerin oder der Moderator vorne am Flip Chart war, ist heute nun ein kleines Videobild am Rand des Bildschirms. Das Flip Chart ist im Format einer PowerPoint-Präsentation in der Mitte groß auf meinem Bildschirm dargestellt. Hochkonjunktur hatten auch virtuelle BarCamps. In ihrer Reinform sind BarCamps spontanes Lernen schlechthin. Teilnehmende stellen sich zu Beginn der Veranstaltung vor die Großgruppe und präsentieren, wozu sie spontan Kurzreferate halten und Diskussionen führen können. Anschließend gehen sie mit den Interessierten in einen Raum. Die Themenvorstellung vor der Großgruppe findet nun im Vorfeld in einem von jedem bearbeitbares Online-Dokument statt und als Zuhörer suche ich mir aus dem Angebot das Thema aus, in welches ich mich virtuell dazu schalte. Durch das Online-Dokument ist auch gleich die Ergebnissicherung geregelt. Praktisch!

Diverse Treffen, Meetings und Besprechungen finden nun virtuell statt. Webinare brauchen im Vergleich zu Seminaren keine großartige Raumorganisation oder Klärung der Rahmenbedingungen. Per E-Mail lassen sich Teilnehmende einladen, Ton und Kamera werden angeschaltet, die Präsentation geteilt und die Aufzeichnung gestartet – fertig ist ein Seminar, welches auch noch nachhaltig von anderen auf Youtube angeschaut werden kann.

Plötzlich war vieles möglich, was vorher als herausfordernd galt. Bei einigen stellte sich die Erkenntnis ein, dass synchrones Arbeiten im virtuellen Raum sehr gut, wenn nicht sogar besser klappt. Alle können gleichzeitig auf ein Dokument, eine Präsentation oder Tabelle schauen. Jeder kann zur selben Zeit daran arbeiten und die Ergebnisse sind stets transparent für die anderen. Wir können die vielen Möglichkeiten einer virtuellen Lernumgebung nutzen. Kurzerhand wird eine Umfrage gestartet und das Ergebnis den Teilnehmenden gespiegelt. Es kann in Kleingruppen, gerne auch per Zufallsprinzip, in sogenannten Breakout-Sessions gemeinsam gearbeitet werden, bevor man wieder in der Großgruppe einer Präsentation lauscht.

Ohne Menschen geht es nicht

Und trotzdem – so faszinierend die Geschwindigkeit in der Umstellung auf digitale Lernwelten war und wie sich unzählige neue Möglichkeiten eröffnet haben – war ich sehr froh, als ich wieder an einem Seminar in Präsenz teilgenommen habe. Das „Zwischenmenschliche“ fehlt doch in der virtuellen Welt, selbst wenn wir uns in sogenannten „Videocalls“ sehen können. Ich habe die reale Präsenz in einem Training jedenfalls vermisst. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn ich das Gegenüber unverpixelt und mit dem ganzen Körper wahrnehmen und darauf reagieren kann. Gerade bei überfachlichen Lernthemen (beispielsweise Kommunikation, Teamentwicklung oder Führungsthemen), in denen es um zwischenmenschliche Kommunikation geht, reicht der begrenzte Videoausschnitt des Gegenübers nicht aus. Auch wenn es zum Beispiel um die Entwicklung von Ideen geht, so erkenne ich bereits an der Körpersprache des Gegenübers, ob er sich mit den Ideen identifizieren kann.

Und dennoch sollten wir die uns aufgezeigten Möglichkeiten nutzen und die Erkenntnisse der vergangenen Monate haben sicherlich einen Einfluss auf die Weiterbildung von morgen.

Die Weiterbildung von Morgen

Im September haben wir uns in einem Webinar die Frage gestellt, wie eigentlich die Weiterbildung von morgen aussieht. Hier entwickelte sich ein reges Gespräch zwischen den Teilnehmenden die einerseits ihrer Visionen der Weiterbildung von morgen aufzeigten, andererseits schon von heute aktuell angewendeten neuen Formaten berichteten.Zentrale Punkte aus dem Gespräch waren, dass Weiterbildung in Zukunft wesentlich individueller, bedarfsorientierter und bedarfsangepasster sein muss. Weiterbildung und Lernen wird öfter ad-hoc stattfinden und kurzweiliger organisiert sein. Lernen wird spontan.

Und jetzt?

Für Weiterbildungsanbieter resultiert daraus ein Problem und damit auch eine Frage, mit der ich mich bereits längere Zeit beschäftige. Was geschieht mit denen, die über Seminartage und Tagessätze Ihr Geld verdienen. Gerade die Nachfrage bei den klassischen Präsenzseminaren und Trainingstagen sinkt möglicherweise. Beratungen haben sich in Online-Formaten in letzter Zeit als ebenso funktional wie in Präsenz erwiesen. Bisher hatte man den Eindruck, dass das Online-Angebot von klassischen Weiterbildungsanbietern eher dem Zweck des Selbst-Marketings dient. Über kleine Videos oder E-Learning-Einheiten sollten potenzielle Kundinnen und Kunden auf das große ganze Angebot hingeführt und so neue Aufträge gewonnen werden. Was passiert nun, wenn diese kleinen Lerneinheiten die Zukunft sind und gerade mit diesen das Geld verdient werden muss? Dann können sie nicht nur kostenlose Appetizer sein. Dann braucht es zum Beispiel die bereits heute häufig auftretenden Lizenz- und Abonnementmodelle.

Die Bedeutung vom selbstständigen Lernen, das Training im Job und auch das kurzweilige Lernen nimmt zu, so wie wir es in unserem Webinar festgestellt haben und was für eine Expertin oder Experten längst keine Neuigkeit mehr ist. Spannend ist eher der Umgang damit und die Bedeutung für den Anbieter klassischer Weiterbildungen und Trainings. Im Webinar sind wir zum Schluss gekommen, dass diese veränderte Lernwelt nicht zwangsläufig das Ende klassischer Weiterbildung und ihren Anbietern bedeutet. Wie ich mit meiner persönlichen Erfahrung schon angedeutet habe, wird es für mich keinen Ersatz für das Seminar, die Weiterbildung, das Training oder die Beratung in Präsenz geben. Dazu sind wir Menschen als soziale Wesen zu sehr auf Zwischenmenschliches und reale Interaktion angewiesen. Gleichwohl gehe ich davon aus, dass solche Formate wesentlich zielgerichteter und dadurch auch seltener eingesetzt werden. Weiterbildungsanbietern wird zukünftig eine über Einzelmaßnahmen hinaus andere Rolle zukommen. Sie müssen den Lernprozess als Ganzes im Blick haben und aufeinander aufbauende Curricula entwickeln, die bedarfsorientiert angepasst und eingesetzt werden können. Sie werden nicht nur Wege des Lernens zeigen, sondern ganze Straßenzüge und Gebäude des Lernens aufbauen. So haben wir bereits heute Expertinnen und Experten, die sich in dieser bildhaften Beschreibung als Lernarchitekten beschreiben.

Ich bin optimistisch, dass in einer Welt des offen zugänglichen Wissens und der herausragend vielfältigen Lernmöglichkeiten, es weiterhin Weiterbildungsanbieter braucht. Ich gehe davon aus, dass sie sogar noch wichtiger werden und eine entscheidende Rolle dafür spielen werden, wie erfolgreich wir in Zukunft aufgestellt sind. Um alle auf dem sich ständig und immer schneller verändernden notwendigen Wissensstand zu halten, braucht es professionelle Begleitung. Welches Weiterbildungsangebot ist für mich das Richtige? Welche Anpassungsmöglichkeiten der Angebote gibt es, damit mein Bedarf gedeckt ist? Wie kann ich das Lernen in meinen Alltag einbauen? Und wie schaffe ich es, zielgerichtet zu lernen und größere Schritte zu vollziehen? Dies herauszufinden ist komplex und muss durch ein passendes Angebot begleitet werden. Also liebe Weiterbildungsanbieter, seien Sie weiterhin so kreativ, wie in den letzten Monaten als Sie in großen Teilen Ihr Angebot während Corona spontan angepasst haben. Erarbeiten Sie gemeinsam mit Ihren Kundinnen und Kunden Lösungen, die gebraucht werden. Schaffen Sie ein für sich selbstredendes Angebot. Teilen Sie die Lernprozesse in Module auf, die sich je nach Bedarf zusammenstellen lassen. Sorgen Sie für praxisnahe Formen des Lernens und Möglichkeiten der Begleitung von Lernprozessen im Berufsalltag. Erbauen und gestalten Sie Lernstrategien. Viele Ansätze finden Sie auch in unseren schon existierenden Konzepten der AgenturQ.

Ich freue mich auf die große Bedeutung von Lernen in der Zukunft und die vielen Möglichkeiten der Gestaltung von Lernprozessen.