7. Dezember 2022  |  
Gastbeitrag

Hochschulen als Partner der beruflichen Weiterbildung

Ein Gastbeitrag von Timo Gayer, IG Metall Vorstand, Referat Bildungs- und Qualifizierungspolitik

© House of Labour

Dass wir die Funktionalität unseres Bildungssystems weiterdenken müssen, wird spätestens dann greifbar, wenn wir uns die anstehenden Herausforderungen vor Augen führen. In den kommenden Jahren muss der Umbau von weiten Teilen unserer Wirtschaft und Gesellschaft gestaltet werden. Diese sozialökologische Transformation ist eine Herkulesaufgabe. Umsetzen müssen sie vor allem die Beschäftigten in den Betrieben. Ihr Wissen und Können, ihre Innovationsfähigkeit und Durchsetzungsstärke sind in diesem Prozess gefragt. Hier braucht es neue Allianzen und kompetente Kooperationspartner, die die subjektiven, gesellschaftlichen und betrieblichen Bildungsbedarfe decken können. Vor diesem Hintergrund ist aus gewerkschaftlicher Perspektive auch die Rolle der Hochschulen zu betrachten.

Im Verständnis der IG Metall ist ein Studium eine Form der beruflichen Bildung, da es mit dem Erwerb oder der Erweiterung von Handlungskompetenzen verbunden ist, die vorrangig in einem beruflichen Kontext stehen (sollen). Die damit einhergehenden bildungspolitischen Überlegungen lassen sich in dem 2015 veröffentlichten Diskussionspapier „Erweiterte moderne Beruflichkeit“ nachlesen[1]. Auch aus der Perspektive der Studierenden geht es spätestens zum Ende ihrer Studienzeit um die Frage, wo das Gelernte nun umgesetzt werden kann, um mit guter Arbeit ein gutes Leben aufbauen zu können. Und dennoch will Studium nicht berufliche Bildung sein, denn die akademische Bildung verspricht eine höhere gesellschaftliche Wertigkeit – für Lehrende und Lernende – und unterliegt anderen Steuerungslogiken (z.B. Freiheit von Forschung und Lehre) und Rechtskreisen (z.B. Länderhoheit). Und das führt zu ganz profanen Problemen: Die gegenseitige Anerkennung von erworbenen Kompetenzen ist weithin marginal. Berufsintegrative und berufsbegleitende Studienmodelle stecken noch in den Kinderschuhen. Ebenso anschlussfähige, kürzere Studienformate. Das Potenzial solcher Modelle lässt sich an der Attraktivität dualer Studiengänge nur erahnen. Noch fehlt es aber an einem klaren politischen Umsetzungswillen der verantwortlichen Akteure. Dies wird sich aber bei wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen und dem demografischen Wandel deutlich ändern (müssen).

Wie die IG Metall auf diese Herausforderung reagiert lässt sich an drei hochschulpolitischen Beispielen verdeutlichen:

Die University of Labour (kurz UoL) ist eine von der IG Metall und dem DGB neu gegründete Hochschule. Am Anfang ihrer Geschichte steht eine einfache Beobachtung: Unternehmen, Beschäftigte und ihre Interessenvertretungen stehen vor immer komplexeren und multiplen Herausforderungen. Wer Arbeit von morgen auf Augenhöhe mitgestalten will, braucht deshalb systematisches Wissen und Qualifikationen. Genau das leistet die UoL. Als Hochschule für eine mitbestimmte Arbeitswelt soll sie Menschen fachlich stärken und ermutigen, die Lebens- und Arbeitswelt im Sinne einer gerechten und demokratischen Gesellschaft zu gestalten. Dabei steht sie für eine klare Haltung – für Solidarität und soziale Nachhaltigkeit in der Arbeitswelt.

© House of Labour

Die University of Labour bietet berufsintegrative und interdisziplinäre Studiengänge aus den Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs-, und Rechtswissenschaften an. Die Kernzielgruppen sind Betriebs- und Personalräte, Ausbilder:innen und Ausbildungsleitungen, sowie Fach- und Führungskräfte aus Gewerkschaften und mitbestimmten Unternehmen. Aber natürlich steht die Hochschule grundsätzlich allen Menschen offen, die das Ziel einer humanen Gestaltung der Arbeitswelt mit ihr teilen. Zudem bietet die Academy of Labour passgenaue Seminare und Weiterbildungsprogramme für Aufsichtsräte, Arbeitsdirektor:innen, Fach- und Führungskräfte im Personalmanagement sowie Mitarbeiter:innen von Betriebsräten an. Mehr Informationen gibt es auf der Homepage der UoL: www.university-of-labour.de

Die Gemeinsame Arbeitsstelle Ruhruniversität Bochum & IG Metall (kurz GAS RUB/IGM) ist seit 1979 eine zentrale Einrichtung der Universität und hat sich unter der Leitung unseres Kollegen Prof. Dr. Manfred Wannöffel zu einer führenden Transferforschungseinrichtung entwickelt. Innerhalb der Ruhr-Universität ist sie in Forschung, Weiterbildung und Lehre interdisziplinär breit verankert.

© AKADEMIE der RUB

Die Lehre zu arbeitsweltlichen Themen reicht von dem zweisemestrigen Forschungsmodul „Management und Organisation von Arbeit“ über das Aufbaumodul „Arbeit“ für die Studierenden der Sozialwissenschaft, bis hin zum Master-Seminar „Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt“.

Wichtig ist jedoch, dass die Angebote der GAS RUB/IGM an dieser Stelle nicht stehen bleiben. Sie öffnen sich bewusst für betriebliche Akteure und richten ihren methodischen Aufbau nach dieser Zielgruppe aus. So bietet die GAS RUB/IGM beispielsweise das weiterbildende Zertifikatsstudium „Digitale Transformation: Mitbestimmen. Mitgestalten“ oder „New Work – die Arbeit der Zukunft mitgestalten“ an.

Die Impulsgeber für die vielfältigen Lehrangebote sind trans- und interdisziplinäre Forschungskooperationen mit Wissenschaftseinrichtungen, Betrieben und Gewerkschaften. Mehr Informationen gibt es auf der Homepage: www.rubigm.ruhr-uni-bochum.de

Abseits der Transferforschung der Gemeinsamen Arbeitsstelle lassen sich auch die vielfältigen Forschungskooperationen anmerken, die darauf ausgerichtet sind, Hochschule als strategischer Forschungs- und Innovationspartner in der beruflichen Bildung zu positionieren.  Allein in der BMBF-Förderlinie „InnoVET“ ist die IG Metall in vier Projekten involviert. Hier geht es um die Verknüpfung akademischer und beruflicher Bildungsanteile zu innovativen Fortbildungsgängen. Und auch bei der Gründung der Beruflichen Hochschule Hamburg mit ihren studienintegrierten Ausbildungsangebote, waren die IG Metall und andere Gewerkschaften beteiligt.

Ein weiterer Bereich in dem sich die IG Metall engagiert, ist die Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Weiterbildungssystems. Neben den oben angesprochenen, institutionalisierten Angeboten, geht es dabei auch um Entwicklungen auf hochschul- und arbeitsmarktpolitischer Ebene. Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium gibt es die Bestrebung, qualitativ hochwertige Studienangebote unterhalb der Bachelor- und Masterabschlüsse anzubieten.

© Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudien e. V. zur Struktur und Transparenz von Angeboten der wissenschaftlichen Weiterbildung an Hochschulen in Deutschland. (2018) S. 2

Eine rechtlich abgesicherte Struktur im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung wird auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten relevant. Deutlich wird dies an dem Beispiel einer Süddeutschen Transfergesellschaft, in der es erstmals gelungen ist, ein durch die Bundesagentur für Arbeit gefördertes Qualifizierungsangebot für Ingenieur:innen zu platzieren. Bereits während der Kündigungsfrist wurde es den Mitarbeiter:innen ermöglicht, jeweils zwei Module „Elektromobilität“ und „Künstliche Intelligenz“ aus dem Zertifikatskursprogramm der DHBW wahrzunehmen und durch die späteren Angebote in der Transfergesellschaft zu erweitern. Die erfolgreich abgeschlossenen Zertifikatskurse können zwar nicht automatisch auf einen Masterstudiengang angerechnet werden, die DHBW bietet aber an, dass die Teilnehmer:innen nach Abschluss der Module, privat eine Anerkennungsprüfung durchführen können, die dann eine Anrechnung der entsprechenden ECTS-Punkte ermöglicht. Zusätzlich können die Beschäftigten sich privat schon während der Laufzeit der Transfergesellschaft zum berufsbegleitenden Masterstudiengang anmelden. So können sie außerhalb des Förderrahmens der Transfergesellschaft die Kernmodule incl. Studienarbeit und Masterarbeit belegen. Unterm Strich ein fast vollgeförderter Masterabschluss.

Federführend war hier die IG Metall Schwäbisch-Hall, die das Konzept mit der DHBW und dem IMU-Institut ausgearbeitet hat. Heute kann es als Blaupause für das ganze Bundesgebiet dienen, auch wenn noch einige Stolpersteine behobene werden müssen. Denn dies geht nur, wenn die Studienangebote AZAV zertifiziert sind. Und das ist nicht nur für den geneigten Leser ein Buch mit sieben Siegeln, sondern auch für die Hochschulwelt. Vielleicht gelingt es uns hier gemeinsam – Gewerkschaften und Hochschulen – einen weiteren Erfolg für die Arbeitnehmer:innen in den kommenden Jahren zu erzielen – die Gespräche laufen in jedem Fall bereits.


[1] wap.igmetall.de/erweiterte-moderne-beruflichkeit.htm