15. Juni 2020  |  
Gastbeitrag

Mediale Kommunikationskompetenz – eine Schlüsselqualifikation in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung

Jetzt in der siebten Woche einer der maßgeblichsten Veränderungen unserer Arbeitswelt in der Corona-Phase haben wir uns ganz gut eingeschwungen in hochgradig virtualisierten Arbeitsformen und Lernsituationen. Wir arbeiten daheim, und es ist beinahe selbstverständlich geworden, über die Mittagspause in einem kurzen Webinar teilzunehmen – man ist mangels Dienstreisen ja auch deutlich besser verfügbar. Und je umfänglicher wir uns an andere Kommunikationsformen jenseits der internen Zusammenarbeit im Jour Fixe in der konkreten Projektarbeit gewöhnen, Formate und Interaktionen auch mit externen Partnern wagen, virtuelle Messe- und Konferenzformate entwickeln, und der Realität ins Auge sehen, eventuell noch über einige Monate hinweg z. B. auch neue Mitarbeitende vornehmlich über Telemedien einstellen und „onboarden“ zu müssen, umso mehr bin ich davon überzeugt, dass wir eine Kompetenz aufbauen müssen, die man mit dem Begriff der medialen Kommunikations- und Inszenierungskompetenz umschreiben kann. Ich weiß, dass dieser Begriff im Kontext der betrieblichen Kooperation und der Aus- und Weiterbildung etwas merkwürdig wirken kann. Doch er hat viel Erklärungskraft für das, was ich damit gerne zum Ausdruck bringen möchte.

Jetzt in der siebten Woche einer der maßgeblichsten Veränderungen unserer Arbeitswelt in der Corona-Phase haben wir uns ganz gut eingeschwungen in hochgradig virtualisierten Arbeitsformen und Lernsituationen. Wir arbeiten daheim, und es ist beinahe selbstverständlich geworden, über die Mittagspause in einem kurzen Webinar teilzunehmen – man ist mangels Dienstreisen ja auch deutlich besser verfügbar. Und je umfänglicher wir uns an andere Kommunikationsformen jenseits der internen Zusammenarbeit im Jour Fixe in der konkreten Projektarbeit gewöhnen, Formate und Interaktionen auch mit externen Partnern wagen, virtuelle Messe- und Konferenzformate entwickeln, und der Realität ins Auge sehen, eventuell noch über einige Monate hinweg z. B. auch neue Mitarbeitende vornehmlich über Telemedien einstellen und „onboarden“ zu müssen, umso mehr bin ich davon überzeugt, dass wir eine Kompetenz aufbauen müssen, die man mit dem Begriff der medialen Kommunikations- und Inszenierungskompetenz umschreiben kann. Ich weiß, dass dieser Begriff im Kontext der betrieblichen Kooperation und der Aus- und Weiterbildung etwas merkwürdig wirken kann. Doch er hat viel Erklärungskraft für das, was ich damit gerne zum Ausdruck bringen möchte.

Inszenierung – untrennbar mit dem Theater verbunden

Wir alle assoziieren mit dem Begriff der Inszenierung den des Theaters – und das macht ihn für mich in einigen relevanten Schlüsselkonstrukten beruflicher Interaktion hoch anschlussfähig. Die Theaterwelt kennt Bühnen, die man betritt, um spezifische Wirkungen zu erzeugen, Schauspieler, die in definierte und bekannte Rollen schlüpfen, wobei immer klar ist, dass Rollen und der dahinterliegende Mensch nicht das gleiche sind. Wir alle wissen – Inszenierungen folgen bestimmten Stilen – und sie haben in der Regel einen Regisseur, der dafür sorgt, dass Beteiligte, Bühnenbild, Requisiten, Timing und Sprache wie Bühnentechnik ein gelungenes Ganzes geben. Und ja, es gibt minutiös einstudierte Stücke – aber auch Spontantheater.

Die Metapher des Theaters hilft bei Analyse und Gestaltung

In der systemischen Organisationsarbeit wird viel mit der sogenannten Theatermetapher gearbeitet, um berufliche Gruppensituationen zu analysieren, und sie unterstützt dabei das Aufdecken von spezifischen Dynamiken, Machtkonstellationen, und individuellen Handlungsmustern. Die Theatermetapher unterstützt die Abstraktion, und sie schärft den Blick für die komplexe Interaktion, aber auch für deren Gestaltungsfähigkeit – und die Professionalisierungsnotwendigkeit im Umgang damit. Denn auch das kennen wir alle als private Kulturbürger – schlechte Inszenierungen, unsichere oder schlecht besetzte Schauspieler, eine unzureichende Akustik, Ausleuchtung … was unser Durchhaltevermögen schon beim Zugucken abbaut. Oder eben das Gegenteil. Und ja, Sie ahnen es: Wir sind in diesem Bild ganz nah an den virtualisierten Bühnen der kommunikativen Begegnungen in der heutigen Arbeitswelt. Mit dem Unterschied, dass die strenge Trennung von Zuschauer und Darsteller hier nicht mehr durchgehalten werden kann. Denn unsere virtuellen Arbeitsräume sind letztlich nichts anderes: Sie bringen themen- und formatspezifisch Menschen in dedizierten Rollen auf Bühnen der Begegnung – und produzieren dabei höchst unterschiedlich gelungene Inszenierungen. Und auch Lernende müssen in entsprechenden Lernsituationen deutlich mehr tun, als nur passiv zu konsumieren. Lernen bedeutet aktive Auseinandersetzung mit Themen, mit Lehrenden und Mit-Lernenden, den klaren aufeinander bezogenen Austausch. Lehrende wie Lernende müssen sich der neuen medialen Situation stellen und ihre Konzepte anpassen.

Die virtualisierte Arbeits- und Lernwelt braucht professionellen Umgang mit Interaktions- und Kommunikationsbühnen

Was mich direkt zur Kernhypothese des Beitrages bringt. Meine Grundthese begründet sich bereits auf der schieren Menge an Zeit, die wir alle gemeinsam in diesen Kommunikationssituationen verbringen. Und wir merken es ja: die nächste Telco, der dringende Skype-Call, das Webinar, die x-te Webex-Konferenz und das virtuelle Einstellungsgespräch sind zunehmend selbstverständlicher Bestandteil unseres Arbeitstages. Und dort sehen wir selbst jeden Tag: Es gibt brilliante Performer und mediale Naturtalente, Instruktoren und Dozenten, die die Kamera virtuos einsetzen können und eine Menge Energie in gute, angepasste Didaktiken investieren, aber auch viele, die mit der Kamera fremdeln und am liebsten im Grau der Tapete verschwinden, oder eben solche, die einfach nur 100 Powerpoint-Folien durchklicken und wenig Energie darin investieren, in eine medial angepasste Interaktion mit ihren Lernenden zu kommen. Es gibt souveräne Moderatoren und kluge Mini-Dramaturgien von Online-Workshops und Webinaren – und solche, die an Einfallslosigkeit nicht zu toppen sind. Wir alle erleiden täglich den Stress, der von schlechter Audioqualität oder langatmigen Dauermonologen ausgehen kann. Wir fürchten uns mit Recht ein wenig davor, die Teilnehmer in solchen Situationen zu „verlieren“ und damit die eigene Botschaft nicht vermitteln zu können. Gar nicht zu denken an die Qualitätsunterschiede in Darbietungen, die womöglich karriereentscheidend sind: Das entscheidende Bewerbungsgespräch, oder, wie letzte Woche im WI-Verteiler der Wirtschaftsinformatiker beschrieben, die Online-stattfindende Probevorlesung für das nächste Berufungsverfahren am Lehrstuhl. Wer hier einen guten Eindruck hinterlassen will, muss sich wirklich etwas einfallen lassen.

Dozenten, Trainer, Professoren UND Lernende werden sich massiv weiterentwickeln müssen

Keiner von uns weiß angesichts der epidemischen Entwicklung, wann Schulen, Universitäten und Träger beruflicher Weiterbildung wieder in so etwas wie einen „Normalbetrieb“ umschalten werden. Es erscheint sehr plausibel, dass uns Arbeiten und Lernsituationen auch in den nächsten Monaten noch stark auch über virtuelle Formate begleiten wird. Wir alle spüren, wie groß der Nachholbedarf an Bedien- wie Inszenierungs- und Kommunikationskompetenz ist, wie unzulänglich die Ausstattung mit Endgeräten und erfolgskritischen Infrastrukturen – von der Unterschiedlichkeit in Betreuungs- und Lernsituationen von Kindern, Jugendlichen, aber auch Azubis einmal ganz zu schweigen. Es wird in deutlich größerem Umfang auf Blended Learning-Formate, einen deutlichen größeren Anteil an Selbstlernen, kooperativem Lernen und virtueller Kooperation hinauslaufen.

Der Digitalisierungsbeschleunigung wirkt auch massiv im Bereich der Aus- und Weiterbildung

Ich bin überzeugt davon, dass neben dem rein technischen Bedienwissen zum Umgang mit all diesen virtuellen Plattformen eben auch genau diese mediale Inszenierungskompetenz gerade von Lehrpersonal im weitesten Sinne, aber auch beim Nutzer dieser Angebote, dazukommen muss. Denn es geht ja auch nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern zunehmend auch um die Abnahme / Prüfung von Leistungen. Eine mediale Kompetenz, die sich auf das eigene Bühnenbild, den persönlichen Auftritt, die Konzeption und Nutzung der Interaktionstools, den Spannungsbogen und die reibungsfreie Nutzung aller möglichen „Bühnentechniken“ beziehen muss, sowie seitens der Nutzer veränderte Rezeptions- und Beteiligungsformen voraussetzt. Ich wünsche mir sehr, dass auch die Ausbildung von Lehrpersonal aller Bildungseinrichtungen hierauf eine systematische Antwort entwickeln und bereitstellen wird. Es ist verwegen zu glauben, dass wir irgendwann im nächsten Jahr „wie früher“ weitermachen. Dies wäre eine verschenkte Chance für moderne, flexibilisierte Aus- und Weiterbildungsformen, die auf eine deutlich digitalere Arbeitswelt vorbereiten muss. So könnte mit der Corona-Krise auch eine Chance für die Weiterentwicklung digitaler Lernsettings in großem Umfang verbunden sein.


Ein Gastbeitrag von Dr. Josephine Hofmann

Dr. Josephine Hofmann ist Mitglied des Beirats der AgenturQ. Sie leitet das Team Zusammenarbeit und Führung des IAO und ist stellvertretende Leiterin des Forschungsbereiches Unternehmensentwicklung und Arbeitsgestaltung.

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