10. Juli 2020  |  
Gastbeitrag

Validierung bedeutet Wertschätzung von Kompetenzen und Menschen

In vielen Bereichen unseres Lebens arbeiten Menschen, die gute Arbeit leisten. Viele haben eine Ausbildung abgeschlossen, manche aber haben sich ihr Können und Wissen ausschließlich über langjährige Erfahrungen in der Praxis angeeignet. Sie haben daher auch keinen Beleg über ihre informell erworbenen Kompetenzen. Es gibt zwar prinzipiell die Möglichkeit, über eine so genannte Externenprüfung einen Abschluss nachzuholen, jedoch erweist sich dieser Weg in der Praxis für manche Menschen aus vielerlei Gründen als nicht begehbar.

Hier setzt das Projekt „ValiKom Transfer“ an. Menschen ab 25 Jahren mit langjähriger Berufserfahrung, aber ohne entsprechenden Berufsabschluss haben die Möglichkeit, ihr Können und Wissen sichtbar zu machen. Sie durchlaufen ein vierstufiges Verfahren: Beratung, Dokumentation vorhandener Kompetenzen aus dem so genannten Referenzberuf, Bewertung der Kompetenzen und Zertifizierung. Das Zertifikat weist aus, in welchen Tätigkeitsbereichen des Berufs die Teilnehmenden über vergleichbare Kompetenzen verfügen.

Quelle: WHKT: https://www.youtube.com/watch?v=CLSpDkQedjw&t=38s

Auch Dino Tibaldi (41) hat diese Chance genutzt. Ursprünglich hat er den Beruf Hotelkaufmann erlernt, ist allerdings als so genannter Quereinsteiger schon jahrelang in metallverarbeitenden Betrieben tätig. In seinem aktuellen Betrieb arbeitet er bereits 7 Jahre. Ihn interessierte, wie Fachleute seinen Wissensstand bewerten würden. Daher hat er sich an Patrick Bareiter von der IHK Südlicher Oberrhein gewandt, um sich im Referenzberuf Metalltechnik bewerten zu lassen.

Er durchlief – wie alle Teilnehmenden am Verfahren – den 4-stufigen Prozess (siehe Grafik).

Das Besondere bei ihm war, dass seine Erfahrungen auch – eigentlich noch besser – auf den Beruf Metallbauer*in gepasst hätten. Das wurde in der Dokumentationsphase, in der der Selbsteinschätzungsbogen noch einmal mit Herrn Bareiter besprochen wurde, deutlich. Die Entscheidung für den Referenzberuf Fachkraft Metalltechnik bei der Antragstellung lag aber bei Herrn Tibaldi. Für ihn war entscheidend, dass er das Verfahren weiter in Freiburg durchführen konnte, weil er sich bei Herrn Bareiter sehr gut aufgehoben gefühlt hat. Der Beruf Metallbauer*in konnte in Freiburg nicht bewertet werden. Es folgte dann ein Beratungsgespräch mit dem späteren Bewerter, in dem die Inhalte des Berufs mit den Erfahrungen abgestimmt und Fachfragen gestellt wurden.

Sein Arbeitgeber hat ihn im Verfahren bestärkt und ihm für die Durchführung der Fremdbewertung sogar die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Die Fremdbewertung selbst war sehr praxisorientiert und herausfordernd.
Dino Tibaldi hat nun mit seinem Zertifikat eine Bestätigung darüber, dass sein Wissensstand zum Teil vergleichbar mit einer Ausbildung im Beruf Fachkraft Metalltechnik und somit für seine aktuelle Tätigkeit genau passend ist.

Die von seinem Berater an der IHK Südlicher Oberrhein ins Gespräch gebrachte Erweiterung seines Könnens über eine Anpassungsqualifizierung kommt für ihn derzeit allerdings nicht infrage. Der Aufwand dafür passt für ihn bei seiner aktuellen beruflichen und privaten Auslastung nicht zum erwarteten Mehrwert – insbesondere, weil auch ein Zertifikat, in dem für alle Tätigkeitsbereiche eines Berufs Kompetenzen bescheinigt werden, nach der aktuellen Gesetzeslage nicht mit einem Berufsabschluss gleichzusetzen wäre.
Sein positives Fazit: „Es war eine gute Erfahrung und es hat Spaß gemacht, auch wenn die Aufgaben wirklich herausfordernd waren.“

Ein positives Fazit in Bezug auf das Verfahren ziehen auch viele andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk an der Universität zu Köln (FBH) führt im Rahmen seiner wissenschaftlichen Begleitung des Projekts verschiedene Untersuchungen durch. Im Vorgängerprojekt „ValiKom“ haben 164 Personen das Verfahren durchlaufen – 159 konnten ihre Kompetenzen erfolgreich zeigen und haben ein Zertifikat erhalten. Letztere haben wir nun dazu befragt,

  • welche Ziele sie mit der Teilnahme verbunden hatten und wie wichtig ihnen diese Ziele waren,
  • wie sich ihr beruflicher Werdegang seit der Vergabe des Zertifikats entwickelt hat und welche Rolle das Validierungszertifikat dabei gespielt hat.

56 der befragten Personen haben sich an der Befragung beteiligt.

Was waren wichtige Erkenntnisse? Hier als Vorschau auf die noch zu veröffentlichende Studie, die auf www.fbh.uni-koeln.de online verfügbar sein wird:

  • Der Aussage „Ich bin froh, dass ich an dem Validierungsverfahren teilgenommen habe“ stimmen 52 Personen (d.h. 92,9%) zu. Eine Person stimmt teilweise und zwei Personen stimmen nicht zu.
  • Wichtigstes Ziel war die persönliche bzw. berufliche Weiterentwicklung. 47 der 56 Personen (83,9%) schätzen dieses Ziel als wichtig oder sehr wichtig ein.
  • 38 Befragte (67,9%) gaben an, dass sie sich in der Zwischenzeit tatsächlich beruflich weiterentwickeln konnten. Ebenfalls 38 gaben an, dass sie nun bessere Chancen haben, sich beruflich weiter zu entwickeln.
  • 50 Befragte denken, dass das Verfahren für ihre berufliche Zukunft hilfreich ist.
  • Auf die Frage, wie wichtig das Validierungszertifikat für die eingetretenen Veränderungen ist, antworten 32 (d.h. 57,1%) mit „sehr wichtig“, 10 (17,9%) mit „wichtig“, 7 (12,5%) mit „teilweise wichtig“ und 6 (10,7%) mit „unwichtig“.

Zum Stichtag 29. Februar 2020 haben sich schon 1985 Interessierte an die projektbeteiligten 30 Kammern gewandt. Die dann folgenden Beratungen führten zu 555 vollständig eingegangen Anträgen und 344 durchgeführten Fremdbewertungen. 145 Personen nahmen die Gelegenheit einer Anschlussberatung war – 7 von ihnen haben bereits Folgeanträge gestellt, um das bescheinigte Kompetenzprofil zu erweitern. In allen Fällen ist dies in vollem Umfang gelungen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt »ValiKom Transfer« noch bis Oktober 2021. Weitere Informationen zu »ValiKom Transfer« und zum Validierungsverfahren sind zu finden unter www.validierungsverfahren.de .

Ein Gastbeitrag von Rolf Rehbold, Ricarda Spallek und Dr. Sarah Wirtherle

Rolf R. Rehbold ist stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts für Berufsbildung im Handwerk an der Universität zu Köln (FBH). Das FBH ist Ansprechpartner für berufspädagogische Fragen im Handwerk und ein unabhängiges Forschungsinstitut im Verbund des Deutschen Handwerksinsituts. Das Projekt »ValiKom Transfer« begleiten Ricarda Spallek als Vertreterin vom Westdeutschen Handwerkskammertag und Dr. Sarah Wirtherle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am FBH.