22. Juli 2022  |  
Dr. Stefan Baron

Wachstumshemmnis Arbeitskräftemangel – was jetzt zu tun ist

Stefan Küpper, Südwestmetall

Der Fachkräftemangel ist als Top-Thema und Wachstumshemmnis im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Das hat gedauert und entsprechende Hinweise aus der Wirtschaft wurden lange Zeit nicht wirklich ernst genommen. Dabei sind die demografischen Fakten seit langem bekannt: In Deutschland hatten bei den 45-64-jährigen nach einer Auswertung des Instituts der Deutschen Wirtschaft 2019 rund 16 Millionen eine Berufsausbildung, rund 4,7 Millionen einen Hochschulabschluss und rund 3,7 Millionen keinen Berufsabschluss. In Summe ein Erwerbspersonenpotential von etwa 24,4 Millionen. Bei den 25-44-jährigen hatten rund 11 Millionen eine Berufsausbildung, rund 5,7 Millionen einen Hochschulabschluss und rund 3,8 Millionen keinen Berufsabschluss. In Summe ein Erwerbspersonenpotential von etwa 20,5 Millionen. Und bei den 5-24-jährigen waren es gerade mal noch 15,8 Mllionen Personen.

Selbst wenn es uns also gelingen würde, die Quote derjenigen ohne Berufsabschluss auf unter 5 % zu drücken, ist offensichtlich, dass das nicht reichen wird, die entstehenden Lücken bei den Fachkräften zu schließen. Dazu kommt, dass wir es längst nicht mehr nur mit einem Fachkräftemangel, sondern mit einem generellen Arbeitskräftemangel zu tun haben.   

Noch ist aber Zeit gegenzusteuern und es gibt vier Handlungsfelder, die jetzt vor allem gestaltet werden müssen, solange der demografische Wandel noch relativ am Anfang steht:

  1. Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern
  2. Längere Lebensarbeitszeiten ermöglichen
  3. Qualifizierung und Weiterbildung vorantreiben
  4. Zuwanderung steuern und gestalten.

Zu 1. Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern

Der eklatante Mangel an Erziehungskräften wird zunehmend zur Stolperfalle für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und für mehr Vollzeitarbeit bzw. vollzeitnahe Teilzeitarbeit. Arbeitet heute ein Elternpaar z.B. zusammen 60 Stunden pro Woche in der Aufteilung 40/20 und gelänge es daraus, z.B. zweimal 35 Stunden zu machen, so wäre ein Arbeitszeitplus von über 15 % realisierbar. Nach den Prognosen einer jüngst vorgestellten Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen aber im Südwesten bis zu 12.000 Fachkräfte für die Ganztagsbetreuung der Grundschulkinder bis 2030.

Die bereits erfolgte Erhöhung der Ausbildungskapazitäten für Erzieherinnen und Erzieher in Baden-Württemberg ist also noch nicht ausreichend. Wir brauchen noch mehr Ausbildungskapazitäten sowie gleichzeitig eine pädagogische Nachqualifizierung von Quereinsteigern und eine stärkere Rekrutierung von Erziehungspersonal im Ausland. Zudem muss das Land mit einer Imagekampagne für die Erziehungsberufe werben.

Zu 2. Längere Lebensarbeitszeiten ermöglichen

Dieses Handlungsfeld ist stark geprägt durch die emotionale Debatte um einen späteren Renteneintritt. Und so wichtig es ist, diese Option ernsthaft abzuwägen, so sehr lohnt es sich, das Thema der längeren Lebensarbeitszeiten nicht darauf zu verengen. Denn die Lebensarbeitszeit lässt sich durch weitere Faktoren positiv beeinflussen: Vom gelingenden Übergang von Schule in Ausbildung, Studium und Beruf, über die Vermeidung von Phasen der Arbeitslosigkeit oder Krankheit bis hin zur erfolgreichen Arbeitsmarktintegration von Arbeitssuchenden, Geflüchteten und Rehabilitanden. Und natürlich darf auch eine Anpassung der wöchentlichen Arbeitszeiten nicht tabuisiert werden.

Mit Blick auf die Übergänge in Ausbildung, Studium und Beruf kommt dem Thema der Berufsorientierung und -vorbereitung eine überragende Bedeutung zu. Der mit der Corona-Pandemie einhergehende Flurschaden in der Berufsorientierung muss jetzt schnellstmöglich beseitigt werden und die bestehenden guten Ansätze mit dem Fach Wirtschafts-, Berufs- und Studienorientierung (WBS), der Leitperspektive Berufsorientierung im Bildungsplan und der Verwaltungsvorschrift Berufliche Orientierung nachhaltig in den Schulen verankert werden.

Ein Mutmacherprojekt sind die von den Partnern des Ausbildungsbündnisses initiierten Praktikumswochen BW unter dem Motto „5 Tage, 5 Unternehmen, 5 Berufe“. 3100 Unternehmen mit rund 190.000 Praktikumstagen eröffnen über den Sommer eine große Spannbreite an Schnuppermöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler. Neben der Revitalisierung der Berufsausbildung geht es dabei auch darum, den deutlichen Rückgang der Studienanfängerzahlen in den Ingenieurwissenschaften und hier insbesondere in der Elektro- und Informationstechnik umzukehren.

Die Vermeidung von Arbeitslosigkeit wird in der durch Digitalisierung und Dekarbonisierung angetriebenen Transformation zur besonderen Herausforderung. Die damit einhergehenden Veränderungen in den Tätigkeits- und Qualifikationsprofilen machen das Ziel, möglichst nahtlose Erwerbs- und Bildungsbiografien zu gewährleisten, noch ambitionierter. Umso wichtiger werden regionale Qualifizierungsverbünde und Beschäftigungsdrehscheiben, die das Funktionieren des Arbeitsmarktes vor Ort proaktiv unterstützen und Unternehmen mit ihren jeweiligen Anforderungen im Beschäftigungsaufbau oder -abbau zusammenbringen. Dabei gilt es die Potentiale von Arbeitssuchenden, Geflüchteten und Rehabilitanden bestmöglich einzubinden.

Zu 3. Qualifizierung und Weiterbildung vorantreiben

Die Sozialpartner der M+E-Industrie in Baden-Württemberg haben schon vor 20 Jahren die zentrale Bedeutung der beruflichen Weiterbildung erkannt. Mit dem Tarifvertrag Qualifizierung und der darauf fußenden gemeinsamen Einrichtung AgenturQ wurden entscheidende Weichen gestellt. Die Projekte, Analysen und Beratungsangebote der AgenturQ schaffen eine gemeinsame Plattform der Sozialpartner, auf der Dinge ausprobiert, positive Beispiele gesetzt und Interessensschnittmengen identifiziert werden können. Die Themen der Transformation und die damit verbundenen Anforderungen an Qualifizierung und Kompetenzentwicklung stehen mittlerweile im Mittelpunkt.

Die berufliche Nachqualifizierung von An- und Ungelernten, z. B. über Konzepte der modularen Teilqualifizierung, und die Weiterbildung aller Beschäftigtengruppen zu den sogenannten Future Skills sind dabei essentiell. Worauf es hier ankommt, hat die Studie „Future Skills Baden-Württemberg“ verdeutlicht, die im Auftrag der AgenturQ im Herbst 2021 erstellt wurde. Alleine bei den aktuell rund 710 Tsd. Beschäftigten der vier Schlüsselindustrien der M+E-Industrie besteht bei den technologischen und industriellen Fähigkeiten ein Zusatzbedarf von gut 1,3 Millionen Skills für die nächsten 5 Jahre. Dazu kommen noch mal rund 2,6 Millionen Skills im Bereich digitale Schlüsselqualifikationen und überfachliche Fähigkeiten.      

Zu 4. Zuwanderung steuern und gestalten

Damit Zuwanderung wirklich einen Beitrag zur Stabilisierung der Arbeitskräftebasis leisten kann, müssen die Verwaltungsverfahren vereinfacht, digitalisiert, beschleunigt und damit planbar für alle Beteiligten werden. Hier sind alle Verwaltungsebenen vom Bund über das Land bis hin zu den Kommunen gefordert. Zugleich muss der Rechtsrahmen zielgerichtet weiterentwickelt werden.      

Wir können uns weder schwerfällige Prozesse der Fachkräftezuwanderung noch komplexe Regelungen der beruflichen Anerkennung von z. B. Teilqualifikationen oder ausländischen Berufsabschlüssen leisten. Vor allem aber müssen wir die Attitüde ablegen, dass sich die internationalen Talente bei uns zu bewerben haben – und nicht umgekehrt. Gleichzeitig brauchen KMU funktionierende Unterstützungsstrukturen, wie man sie beispielweise bei career-in-bw vom Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft findet.

Und zu einem attraktiven Standort für Fach- und Führungskräfte gehören ein gutes Ganztagsangebot und eine passende Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Womit sich der Themenkreis schließt und die enge Verknüpfung in den Handlungsfeldern zeigt, zumal die gezielte Rekrutierung von Erziehungskräften aus dem Ausland, ihre sprachliche Vorbereitung und ein gut funktionierender Prozess der beruflichen Anerkennung ein wichtiger Baustein zur Sicherung eines guten Ganztagsangebots sein wird.  

Südwestmetall macht Bildung

Mit der Initiative „Südwestmetall macht Bildung“ engagieren sich die Metallarbeitgeber in Baden-Württemberg seit vielen Jahren für die Fachkräftesicherung. Dies geschieht in eng vernetzen Projektstrukturen, die sich von den Themen der Familie und Frühförderung, der Qualitätsentwicklung in der Schule und der MINT-Förderung über die Aus- und Fortbildung von Pädagogen, der Berufsorientierung und Übergänge bis hin zur Kooperation von Hochschule und Wirtschaft, der Qualifizierung und Weiterbildung in der Industrie 4.0 sowie der Integration internationaler Fachkräfte erstrecken. Südwestmetall kooperiert dabei eng mit dem Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT.

Gastbeitrag von Stefan Küpper, Geschäftsführer Politik, Bildung und Arbeitsmarkt beim Arbeitgeberverband Südwestmetall

Foto von Kateryna Babaieva: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-mit-orangefarbenem-schutzhelm-2760241/