17. Mai 2021  |  
Patrick Benjamin Fleck

Weiterbildung nach Corona

Welche Maßnahmen bleiben virtuell?

In den vergangenen Monaten sind wir digitaler geworden. Sofern möglich, arbeiten wir flexibel an unterschiedlichen Orten und vermeiden gemeinsame Veranstaltungen in Präsenz. Corona hat, so die Vermutung, eine absehbare Entwicklung nur wesentlich beschleunigt.

Aktuell dürfen Weiterbildungsmaßnahmen oftmals gar nicht mehr in Präsenz stattfinden. Das allermeiste davon wurde in den virtuellen Raum übertragen, sei es in Form von E-Learning-Angeboten, digitalen Lernwelten oder einfach in Form eines virtuellen Klassenzimmers bzw. Videokonferenz. Gerade deshalb haben wir uns auch in vielen vergangenen Blogbeiträgen mit dem Online-Lernen und Digitalisierung beschäftigt. Im Folgenden möchte ich ein wenig in die Glaskugel schauen, zu einem Zeitpunkt, wenn Weiterbildungsmaßnahmen wieder in Präsenz stattfinden dürfen.

Die erzwungene Entscheidung Online-Lernen

Die Entscheidung, Maßnahmen im virtuellen Raum stattfinden zu lassen, ist unter den gegebenen Umständen eine erzwungene und nicht aus didaktischen und methodischen Gründen gefällte Entscheidung. Das muss aber nicht bedeuten, dass dies eine schlechte Entscheidung im Sinne der Qualität der Weiterbildungsmaßnahmen war. Vielmehr wird es, wie auch sonst, gute und schlechte Erfahrungen von digitalen Lernangeboten geben. In der Durchführung sind sie mit weniger Aufwand verbunden, Reisetätigkeiten fallen weg, Teilnehmende und Dozierende können ortsunabhängig gewonnen werden. Veranstaltungsdokumentationen sind von Beginn an digitalisiert und eine Vielfalt an digitalen Möglichkeiten zur kollaborativen Arbeit haben sich im virtuellen Raum als effektiv und gewinnbringend erwiesen. Aber der virtuelle Raum als Lernumgebung besitzt seine Grenzen, vor allem dann, wenn es um die zwischenmenschliche Interaktion vor, während und nach einer Weiterbildung geht.

Das letzte Jahr hat Selbstverständlichkeiten in der Weiterbildungswelt aufgelöst. Sobald Weiterbildungsmaßnahmen in Präsenz angeboten werden dürfen, wird es vermutlich eine andere Weiterbildungswelt sein, als sie es vor den Einschränkungen in der Weiterbildung durch die Coronapandemie war.

Es stellt sich die Frage, was bleibt von dem Neuen, was kommt wieder zurück von dem Alten und wie verbindet sich beides. Oder konkret gefragt: Welche Weiterbildung findet in Präsenz statt und was ist im virtuellen Raum sinnvoll aufgehoben?

Zurück in die Zukunft

Sobald Weiterbildungen wieder in Präsenz stattfinden können, sollten didaktische und methodische Gründe in der Beantwortung dieser Frage eine größere Rolle spielen. Doch wie kann ich didaktisch und methodisch sinnvoll entscheiden, was in Präsenz und was online stattfinden soll?

Eine Möglichkeit könnte sein, vom Ziel her zu denken. Lesen Sie dazu nochmal im Blog Online-Lernen – Ist das wirklich die Zukunft?

Eine weitere Option ist es, sich genauer die Wissensformen anzuschauen, die in der Maßnahme vermittelt werden sollen. Handelt es sich um theoretisches und klassisches Faktenwissen, wie zum Beispiel in einer Schulung zur Compliance im Unternehmen oder der Pflichtschulung zur Arbeitssicherheit? Oder benötigen die Teilnehmenden der Maßnahme konkretes Anwendungswissen, bei dem ein hoher Lerneffekt eher durch die konkrete Erfahrung entsteht? Letzteres benötigt deutlich mehr interaktive Elemente, die zum Teil virtuell abgebildet können, zum Teil aber in einem Präsenztraining sicherlich besser aufgehoben sind.

Außerdem sollte man sich fragen, was im Vordergrund der Weiterbildungsmaßnahme stehen soll. Sachthemen sind gut im virtuellen Raum aufgehoben. Geht es auch um die Verbesserung zwischenmenschlicher Fähigkeiten oder soll eine Gruppe als solche trainiert werden, dann gibt es viele Gründe, die für eine Maßnahme in Präsenz sprechen.

Das RAT-Matrix – Wann ist Online-Lernen sinnvoll?

In der Schulpädagogik gibt es ein Modell, das in der didaktischen und methodischen Entscheidungsfindung zwischen Präsenz- und virtuellen Maßnahmen helfen kann – das sogenannte RAT-Modell (Hughes, J. (2015). RAT Question Guide. Abgerufen von https://de.slideshare.net/joanhughes/rat-question-guide). Konkret hinterfragt es den didaktischen Mehrwert des Einsatzes digitaler Methoden gegenüber klassischen Methoden in Präsenz. Dabei beleuchtet es drei verschiedene Ebenen, auf die sich eine Veränderung der Methodik von analog zu digital auswirken kann.

  • Instruktionen:

Auf dieser Ebene wird gefragt, ob sich Aufgaben und Rolle der Dozierenden durch den Einsatz digitaler Methoden verändern. Auch die Art der Leistungsmessung und die Vorbereitung einer Weiterbildungsmaßnahme können anders gestaltet sein.

  • Teilnehmende

In dieser Ebene werden alle Auswirkungen einer Veränderung von analoger zur digitalen Methodik auf die Teilnehmenden hinterfragt. Das kann zum einen die Lernaktivitäten betreffen, also wie sich das Lernverhalten an sich und auch die kognitive Verarbeitung des Lerninhalts verändern. Außerdem sollte immer ein Augenmerk auf die Transferleistung gelegt werden und sich die Frage gestellt werden, wie Teilnehmende das Gelernte in andere Situationen übertragen. Und natürlich sollten auch die Art der Zusammenarbeit und die Motivation der Teilnehmenden berücksichtigt werden.

  • Curriculum

Sofern Sie die Methodik von analog zu digital verändern, sollten Sie berücksichtigen, ob sich Lerninhalte dadurch verändern. Eventuell ergeben sich neue Lernziele, wie zum Beispiel der Umgang mit digitaler Technik an sich, oder es werden neue kommunikative Kompetenzen durch das gemeinsame Lernen im virtuellen Raum entwickelt.

Wenn man sich der drei Ebenen bewusst ist, vergleicht man im nächsten Schritt, wie erheblich die Auswirkungen von digitalen Methoden im Vergleich zu analogen Methoden sind. Sind die digitalen Methoden ein bloßer Ersatz (Replacement) der analogen? Erwirkt der Einsatz digitaler Methoden eine Effizienzsteigerung (Amplification) bei Instruktion, Teilnehmenden und Curriculum? Oder wären Instruktionen, Lernen der Teilnehmenden und Curriculum ohne den Einsatz der digitalen Methoden mit analogen Methoden gar nicht zu erreichen (Transformation)?

Daraus ergibt sich eine Matrix, die in der Reflektion und somit in der didaktischen Entscheidung zwischen analogen und digitalen Weiterbildungsmaßnahmen helfen kann.

 RAT-MatrixInstruktion Teilnehmende Curriculum 
Replacement
Digitale Methoden sind ein Ersatz der analogen Methoden
   
Amplification 
Digitale Methoden ermöglichen eine effizientere Gestaltung
   
Transformation
Digitale Methoden ermöglichen Neues im Vergleich zu analogen Methoden 
   
RAT-Matrix

Wenn Sie eine Weiterbildungsmaßnahme planen, dann überlegen Sie doch mal, wie die Maßnahme in Präsenz und wie sie online gestaltet wird und vergleichen Sie. Tragen Sie in die Matrix ein, welche Veränderungen Sie vermuten und ob diese Veränderung ein Ersatz oder tatsächlich ein Mehrwert darstellen. Wenn wir wieder die Freiheit haben, zwischen diesen beiden Formen zu entscheiden, dann sollten wir unsere Entscheidungen auch unter didaktischen und methodischen Gesichtspunkten fällen. Ich vermute ja, dass wir in Zukunft andersherum denken: Was muss unabdingbar in Präsenz stattfinden und worin liegt der Mehrwert gegenüber einer digitalen Weiterbildung?

Der Tarifvertrag ermöglicht Online-Lernen

Der Tarifvertrag Qualifizierung wird dieses Jahre 20 Jahre alt und doch ist er modern. Mit ihm haben Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie einen guten Rahmen, der Ihnen Entwicklung durch Weiterbildung ermöglicht und auch gewährleistet. Innerhalb der Vorgaben des Tarifvertrags ist auch Online-Lernen sehr gut möglich. Sprechen Sie doch gleich im nächsten Qualifizierungsgespräch an, welche Weiterbildungsmöglichkeiten sich in Präsenz und welche sich online anbieten und überlegen Sie, was didaktisch und methodisch Ihrem konkreten Bedarf entspricht.