3. März 2020  |  
Patrick Benjamin Fleck

„Informelles Lernen“ – die Restkategorie unter den Lernformen?!

Zugegeben, dieser Beitrag behandelt ein Thema, zu dem bereits viel geschrieben wurde – Wie unterscheiden wir Lernformen? Lassen Sie uns daher einen besonders fokussierten Blick auf eine bestimmte Lernform wagen. Stellen wir uns die Frage, wie bedeutsam das informelle Lernen ist.

In Kürze: Formales, non-formales Lernen, informelles lernen

Wir unterscheiden zwischen formalen, non-formalen und informellen Lernen. Formales und non-formales Lernen findet in entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen und organisiert durch Bildungseinrichtungen statt. Formales Lernen umfasst am Ende einen Abschluss oder ein Zertifikat, wie z. B. staatlich anerkannte Schul- oder Berufsabschlüsse. Non-formales Lernen findet in durchaus strukturierten Formaten der Weiterbildung statt ohne jedoch mit anerkannten Bildungsabschlüssen abzuschließen. Die Restkategorie bildet sozusagen das informelle Lernen. Sie schließt alles Lernen was jenseits von Bildungseinrichtungen bzw. Weiterbildungen stattfindet mit ein.
Mit der Unterscheidung hat sich mein Kollege Matthias Binder bereits vor einiger Zeit genauer auseinandergesetzt – Schauen Sie hier

ABER: Informelles Lernen als Restkategorie – Ist das nicht eine Untertreibung der Bedeutung dieser Lernform?

Informelles Lernen genauer betrachtet

Als nicht institutionalisierte Lernform findet informelles Lernen außerhalb von Bildungseinrichtungen und mehr innerhalb des Alltags statt. Damit ist der Bereich sehr umfassend, in dem informelles Lernen stattfindet. Informelles Lernen findet bewusst, aber auch unbewusst statt. Es findet gezielt, aber nicht in speziellen Maßnahmen statt. Häufig geschieht es beiläufig. Von Gesprächen mit Freunden, Familien oder Kollegen, über das tägliche Zeitungslesen, den Besuch von Büchereien oder das Anschauen von Lernvideos im Internet – all das kann informelles Lernen sein.
Ich möchte Ihnen informelles Lernen mit Hilfe einer Aufteilung greifbarer machen (in Anlehnung an Thalhammer & Schmidt-Hertha 2018).

  • Lernen durch Erfahrung
    Dadurch, dass ich Dinge mache und umsetze, lerne ich. Wenn ich eine Maschine täglich bediene, lerne ich sie nach und nach über das in der Bedienungsanleitung geschriebene hinaus besser kennen. Ich entwickle Routinen, mit denen ich schneller arbeiten kann. Das Lernen geschieht hier in hohem Maße unbewusst.
  •  Lernen als Reaktion
    Dadurch, dass ich mit einer Situation konfrontiert werde, die eine Reaktion jenseits meines bestehenden Wissens erfordert, wird ein neuer Lernanreiz gesetzt. Wenn eine Maschine mir eine Fehlermeldung zeigt, lerne ich im Prozess der Fehlerbehebung neue Dinge dazu, um einen solchen Fehler in Zukunft zu vermeiden. Sie erkennen vielleicht bereits eine Mischung aus unbewusstem und bewusstem Lernen.
  •  Lernen in der Abwägung zukünftiger Anforderungen
    Dadurch, dass ich Interessen oder zukünftige Herausforderungen bereits abschätzen kann, plane ich mein Lernen mittel- und langfristig. Wenn ich zukünftig eine Maschine mit einem Tablet statt einer klassischen Steuereinheit bediene, kann ich mich mit der Bedienung von Tablets vertraut machen. Ich nehme mein Lernen selbst in die Hand und plane es, ohne eine explizite Weiterbildung. Wir sprechen hier von selbstgesteuertem oder -organisiertem Lernen.

Warum ist das für Unternehmen wichtig?

Das Lernen mit einem Berufsabschluss oder eine Weiterbildung nicht endet, ist gemeinhin bekannt. Das 70-20-10 Modell macht das nochmal deutlich. Es geht davon aus, dass Lernen zu 70% außerhalb organisierter Maßnahmen stattfindet – und das, wie wir nun gesehen haben, oftmals auch fernab des Bewussten. Ich möchte Ihnen mit meinem Impuls genau das deutlich machen. Lernen findet auch versteckt statt und ist nicht immer für mich oder Außenstehende erkennbar. Durch Lernen baue ich meine Kompetenzen auf. Wodurch soll ich meine aufgebauten Kompetenzen bemerken, wenn ich meine Lernprozesse gar nicht erst mitbekomme. Auch aus Sicht eines Unternehmens habe ich ein großes Interesse daran zu wissen, wie gut meine Beschäftigten sind. Besonders im Hinblick auf die neuen Herausforderungen durch Transformation, Digitalisierung und Industrie 4.0.

Informelles Lernen ist vielmehr als eine Restkategorie. Es ist ein komplexer Lernprozess, der wichtiges Know-How aufbaut.

Lernen durch Lernanreize

Lernen geschieht immer dann, wenn es zu einer Diskrepanz zwischen Anforderungen an mich und meinem Können kommt. Eine solche Diskrepanz versuche ich über Lernprozesse aufzulösen. Anders ausgedrückt – durch einen Lernanreiz erweitere ich mein Können so, dass ich den an mich gestellten Anforderungen gerecht werde. Bei der Aufteilung der verschiedenen Arten informellen Lernens geht es im Ergebnis darum, wodurch und wann Lernanreize gesetzt werden. Ich habe dies am Beispiel der Steuerung einer Maschine gezeigt. Besonders bemerkenswert ist hier, dass solche Lernanreize und damit auch das Lernen zu einem großen Teil nicht bewusst wahrgenommen werden. Die alltägliche Steuerung der Maschine oder die bloße Reaktion auf die Maschine kann bereits einen Lernanreiz setzen und einen informellen Lernprozess unbewusster Weise in Gang setzen. Dies birgt für Unternehmen große Chancen, aber auch Herausforderungen. Eine der Herausforderungen ist es, solche informell erworbenen Kompetenzen überhaupt zu erkennen.

Wie erkenne ich die informell erworbenen Kompetenzen?

Wer die AgenturQ kennt, kennt bestimmt auch unseren AiKomPass. In diesem Instrument werden die Nutzerinnen und Nutzer nach konkreten Tätigkeiten abgefragt. Damit berücksichtigen wir genau auch solche Lernprozesse, die in alltäglichen beruflichen und privaten Tätigkeiten stattfinden können und nicht über Zertifikate o.ä. erfassbar sind. Der AiKomPass ermöglicht somit einen sehr umfassenden Blick auf meine eigene oder die Kompetenzen meiner Beschäftigten. Bis Sommer 2021 haben wir uns zum Ziel gesetzt den AiKomPass in unserem Projekt AiKomPassDigital neu zu gestalten und vor allem um die so wichtigen Digitalkompetenzen zu erweitern. Haben Sie dazu Fragen, wenden Sie sich gerne an mich (fleck@agenturq.de) oder testen Sie doch einfach mal den AiKomPass in seiner aktuellen Form: www.aikompass.de

Quelle: Thalhammer V., Schmidt-Hertha B. (2018). Bildungsforschung zum informellen Lernen. In: Tippelt R., Schmidt-Hertha B. (Hrsg.) Handbuch Bildungsforschung. Springer Reference Sozialwissenschaften. Springer VS: Wiesbaden

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