Wie kann Weiterbildung in Industrie 4.0 gelingen?


Dominique-Navina Pantke, Beraterin für Personal- und Organisationsentwicklung der AgenturQ

In unserem letzten Blogbeitrag haben wir uns damit befasst, dass es vermutlich nur wenig erstrebsam ist, „wie die Dinosaurier“ zu verschwinden. Wir müssen uns an eine neue betriebliche Realität anpassen, die angetriggert durch technologische Entwicklung und Vernetzung ein Stück weit unberechenbar geworden ist.
Unsere heutige Arbeitswelt ist schnelllebig, auch mal losgelöst von bisherigen Strukturen und vor allem ständig im Wandel. Was es dabei braucht um bei dem hohen Tempo nicht aus der Bahn zu geraten, sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die sich in diese Gegebenheiten einfügen können. Darüber hinaus brauchen Betriebe und Organisationen Ideenreichtum sowie die Gabe, neue Entwicklungen schnell aufzugreifen, wenn nicht sogar diese direkt selbst auszulösen.
Vorausschauendes Handeln scheint also das Zauberwort der Stunde zu sein.
Vorausschauend angelegt ist auch das Projekt „Prospektive Weiterbildung für Industrie 4.0“ unter Trägerschaft der AgenturQ. Ziel dieses Projekts ist es, ein Weiterbildungskonzept zu generieren, dass es Unternehmen bereits heute ermöglicht, sich auf die Zukunft vorzubereiten.
Dass dies nicht immer einfach und eindeutig ist, ist klar. Die Aussage: „Was sollen wir denn schulen, wenn wir nicht wissen, wo die Entwicklung hingeht?“ haben wir während unseres Vorhabens nicht nur einmal gehört.
Mein Kollege hat in der letzten Woche die betriebliche und berufliche Weiterbildung als Schlüssel(-reaktion) auf die Veränderungen der Arbeitswelt propagiert und ich stehe dabei voll hinter ihm. Nur, wenn wir uns auf die Veränderungen einlassen und uns an diese anpassen, können wir in einer „neuen Arbeitswelt“ überleben.
Dies mag nun ein wenig dramatisch klingen, trifft allerdings das Gefühl einzelner Personengruppen. Um niemanden mit diesem Gefühl alleine zu lassen, bedarf es nicht nur einer Anpassung des fachlichen Know-hows, sondern auch einer generellen Öffnung gegenüber dem Neuen und Ungewohnten. Es bedeutet auch, keine Mitarbeitergruppen zurückzulassen. Dies gilt für angelernte Monteurinnen und Monteure ebenso wie für studierte Führungskräfte. Wie aber kann Weiterbildung im Rahmen von Industrie 4.0 denn nun gelingen? Was braucht es, damit Qualifizierungsbemühungen erfolgreich umgesetzt werden können?

Unser Ansatz
Gemeinsam mit dem Institut für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wurden seit dem Projektstart im Januar 2017 in sieben Projektbetrieben Interview- und Fallstudien durchgeführt und dabei unter anderem eruiert, inwieweit Industrie 4.0 bereits heute eine Rolle spielt und wie viel Raum die betriebliche Weiterbildung dabei einnimmt. Insgesamt wurden 52 Gespräche mit 81 betriebszugehörigen Personen geführt und darüber hinaus mehrere inner- wie überbetriebliche Workshops durchgeführt in denen über den Wandel der Arbeitswelt und den Stellenwert der Weiterbildung diskutiert wurde.
Die am Projekt teilnehmenden Betriebe mussten sich daher auch zunächst einmal intensiv damit auseinandersetzen, was intern bereits als Industrie 4.0 „markiert“ werden kann und was in naher wie ferner Zukunft auf sie zukommt. Um Zukunft zu gestalten, muss man das „Jetzt“ kennen (lernen) und dabei möglichst alle betroffenen Akteure an einen Tisch bekommen. Neben der Beteiligung von Betriebsräten und Vertretern der Personalabteilung waren dies Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den jeweiligen Fachabteilungen sowie Vertreter der direkt betroffenen Mitarbeitergruppen. So sollte sichergestellt werden, dass mögliche Maßnahmen nicht an der Belegschaft vorbei geplant werden und letztendlich gar nicht dort ankommen, wo sie eigentlich notwendig wären.
Herausgekommen ist dabei nach etwa der Hälfte der Projektlaufzeit, ein aus sieben Modulen bestehendes Weiterbildungskonzept, welches Betriebe dabei unterstützen soll, sich und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und hierbei speziell An- und Ungelernte, ältere Mitarbeiter sowie Facharbeiter – für die Industrie 4.0 fit zu machen. Die Module reichen dabei von der auf soziale und kommunikative Kompetenzen ausgelegten „Ausbildung zur Lernprozessbegleitung 4.0“ oder dem interdisziplinär und ganzheitlich angelegten „Arbeitsprozesswissen 4.0“ bis hin zum fachspezifischen „Arbeiten mit Robotern“, also der konkreten Erweiterung des Know-hows der Beschäftigten. Hierbei gibt es immer auch die Möglichkeit auf den jeweiligen Betrieb einzugehen. Denn, so viel ist klar, nicht alle Unternehmen bewegen sich in denselben Sphären, wenn es um Industrie 4.0 geht.
In einem zweiten Schritt werden die konzipierten Module nun erprobt und gegebenenfalls erweitert oder modifiziert. Ziel des Projekts ist es, bis Sommer 2019 ein auf Herz und Nieren getestetes Weiterbildungskonzept zu veröffentlichen, welches kostenlos zur Verfügung gestellt wird und möglichst viele Anknüpfungspunkte für die Betriebe der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg bietet.

Wie sieht der Ansatz in der Praxis aus?
Um das Ganze etwas greifbarer zu machen: einer unserer Projektbetriebe hat sich dazu entschieden das Modul „Arbeitsprozesswissen 4.0“ durchzuführen. Hierbei sollen hauptsächlich zweierlei Aspekte bedient werden. Zum einen steht ganz klar die Hinführung zu Industrie 4.0 im Vordergrund, hier ganz konkret als Vorbereitung für die Einführung einer digitalen und vernetzten internen Auftragssteuerung. Zum anderen werden die Beschäftigten aktiv in die Umsetzung und Gestaltung der Qualifizierungsmaßnahme mit eingebunden, so dass der Charakter eines auferlegten Trainings ein Stück weit verloren geht und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern somit auch die Angst vor dem Neuen genommen wird. Bevor das neue System vorgestellt und geschult wird, stellen sich die Beschäftigten aus den verschiedenen Abteilungen ihre jeweiligen Tätigkeiten gegenseitig vor. So sind die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter direkt im Schulungsprozess eingebunden und können dabei ihr Know-how einbringen. Es wird ein besseres Verständnis für aufeinanderfolgende Arbeitsschritte generiert und Konsequenzen des eigenen Handelns werden sichtbar. Nicht zuletzt dadurch, dass Prozessschritte ein Gesicht bekommen. Sind die generellen Arbeitsprozesse und Abläufe einmal klar, wird anhand des neuen Systems geschult, wie die einzelnen Schritte durch die Software gesteuert und verändert werden können.

Und nun?
Um zum Abschluss die eingangs gestellte Frage zu beantworten, was es nun – neben der investierten Zeit braucht, damit Weiterbildung in Zeiten des Wandels gelingen kann: Es braucht Mut voranzugehen um die Dinge bereits heute anzupacken. Unternehmen sollten nicht erst warten, bis der Wandel sie „einholt“ oder „überrollt“, sondern sie sollten den Wandel selbst gestalten. Sie sollten ihre Weiterbildungsaktivitäten auf das Morgen ausrichten, ohne dabei den Blick auf das Heute zu verlieren. Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern muss zudem die Angst vor Industrie 4.0 genommen werden und es sollte eine Transfer ermöglicht werden, der es der Belegschaft erlaubt Technologien, die im privaten häufig bereits genutzt werden, auch auf eine betriebliche und berufliche Ebene zu übertragen.
Unser Projekt ist dabei eine Möglichkeit zur Positionierung des eigenen Betriebs und kann Baustein einer „Strategie Zukunft“ oder einer „Weiterbildung 4.0“ sein. Das wichtigste ist und bleibt jedoch, die (Weiter-)Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht hinten an zu stellen, sondern sie zu einem wesentlichen Bestandteil des Wandels zu machen. Dies ist gerade für diejenigen Mitarbeiter relevant die aktuell Routinetätigkeiten durchführen. Denn trotz aller Unsicherheit in Bezug auf Industrie 4.0 kann man relativ sicher sagen, dass dies die Tätigkeiten sind die am ehesten auch durch Maschinen durchführbar sind. Hinzu kommt, dass die generelle Weiterbildungsbeteiligung dieser Personengruppe eher niedrig ist und hier durchaus noch Luft nach oben besteht (vgl. Blogbeitrag KW 32 sowie Ergebnisse des Adult Education Survey 2016). Weiterbildung sollte natürlich quer durch alle Ebenen erfolgen, aus den genannten Gründen sollte jedoch gerade beim Wandel hin zu einer digitalisierten und vernetzten Arbeitswelt diese Zielgruppe mit im Fokus der Bemühungen stehen. Darüber hinaus ist es möglich, dass für Angehörige dieses Personenkreises mit langwierigeren Qualifizierungszeiten gerechnet werden muss und sich somit ein früher Start in jedem Falle auszahlt.
Die Transformation hin zu einer digitalisierten Arbeitswelt wird nicht von heute auf morgen erfolgen und sie wird auch nie vollständig abgeschlossen sein. Die Arbeitswelt wird sich weiter wandeln, vielleicht auch weniger radikal als es momentan der Fall ist. Wichtig ist überhaupt etwas zu tun und die Belegschaft mitzunehmen. Ist die erste Hürde genommen, sind weitere Veränderungen meist weniger schlimm, denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter merken: „So etwas habe ich schon einmal mitgemacht und bewältigt“.
Ja, die Vorbereitung auf und die Gestaltung von Industrie 4.0 sind zeitintensiv, und daher vermutlich im ersten Moment auch ein wenig abschreckend. Dennoch, da sind wir uns sicher, es lohnt sich.
Zudem wollen wir hier noch kurz anmerken: Immer wieder liest und hört man, dass Betriebsvertreter über Ihre Belegschaften als Rückgrat des Unternehmens sprechen. Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, nein, wir unterstützen das sogar. Allerdings will auch so ein Rücken gut gepflegt werden und fit gehalten werden… – ich denke Sie verstehen, worauf wir hinaus wollen.

Fragen? Kommentare?
Haben Sie Anregungen zu unserem Projekt? Diskutieren Sie mit uns oder kontaktieren Sie uns, wenn Sie mehr erfahren möchten. Wir freuen uns darauf.
Unsere nächsten beiden Blog-Einträge sind Gastbeiträge der IG Metall Baden-Württemberg und Südwestmetall. An dieser Stelle werden Sie erfahren, was die Sozialpartner zu Beruflicher Weiterbildung 4.0 zu sagen haben.

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